Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Richard Strauss: Vier letzte Lieder

 

Die „Vier letzten Lieder“ sind das Weltabschiedswerk von Richard Strauss. Allerdings hat er sie weder als Zyklus komponiert, noch stammt der Titel von ihm, sondern es sind eben die letzten Werke des greisen, weltberühmten Musikers. Die vier Orchesterlieder handeln von den schwindenden Kräften und der Verlöschensbereitschaft eines Menschen, sind aber mit einer derartigen Könnerschaft komponiert und mit so viel Pracht und Raffinement orchestriert, als sei der Tod der rauschende Höhepunkt eines Festes, und vielleicht ist er das ja auch. Folgerichtig werden diese eigentlich intimen Stücke nicht von einem Kammerensemble vorgetragen, sondern vom spätromantischen Großorchester. Es waltet allerspätester Oktober, das Licht der Sonne schwindet, Nacht legt sich aufs Land. Noch steigt Wärme aus dem Boden, Erinnerungen klingen nach – es ist wie ein letztes Mal vors Haus gehen... Die Stimmung dieser Lieder ist lebenssatt und „wandermüde“, wie es im vierten heißt, aber es herrscht keinerlei Verzweiflung, kein Kummer, sondern tiefster Friede. Das Leben war schön... Goethes „Und solang du das nicht hast/Dieses: Stirb und werde!/Bist du nur ein trüber Gast/Auf der dunklen Erde“, kommt einem in den Sinn. Strauss hatte es ohrenscheinlich. 

Ich erwähnte bereits das vierte Lied, in ihm wird der Tod dann direkt angesprochen, textlich erfolgt ein Sprung von Hesse zu Eichendorff, also so hoch hinauf wie überhaupt möglich, und dieses Stück gehört zu den allergrößten Kostbarkeiten der Musik. Hier strahlt tatsächlich das Licht von der anderen Seite zu uns. (Freilich spricht sogar daraus noch die typisch Strauss’sche Unbekümmertheit, die bereit ist, auch Freund Hein letztlich als Instrumentierungsproblem zu behandeln.)

Es gibt eine reiche Auswahl an Einspielungen, ich favorisiere zwei, sozusagen die apollinische (mit Elisabeth Schwarzkopf und George Szell) und die dionysische Version, und da ich eine empfehlen muss, wähle ich denn doch die Letzere, mit Kurt Masur und dem Gewandhausorchester Leipzig, in unglaublicher Breite ausmusiziert, mit der Norman als Solistin, die einfach dem Mysterium näher ist.

 

Richard Strauss: Vier letzte Lieder, Jessye Norman; Kurt Masur, Gewandhausorchester Leipzig (Philips)

 

Erschienen in: eigentümlich frei, Juni 2012